Walter Aeschimann 
 
   Historiker    Journalist    Filmer


Tag 1: Brenner-Basistunnel

Das Fahrzeug holpert in die Düsternis. Ständig rauscht das Funkgerät, bei jedem Schlagloch presst es Sprachbrocken heraus. «In zehn Minuten können wir eine Sprengung miterleben», frohlockt der Fahrer. Fünf Sprengungen jeden Tag. 130 Kilogramm Dynamit für zwei Meter.

Es stinkt nach Ammoniak.

Wir sind oberhalb von Innsbruck durchs Nordportal in den Brenner-Basistunnel gefahren. Der Polier aus Österreich lobt die Kameradschaft der Arbeitskräfte, von denen die meisten aus Ungarn gekommen sind. Als man nach arbeitsvertraglichen Bedingen fragt, wird er wortkarg. Irgendwer müsse die Arbeit ja machen, murmelt er. 

Wir sind nicht eingeladen worden, um solche Details kritisch zu hinterfragen, sondern um «state-of-the-art modern technology» zu bewundern. Auf Einladung der Alpenkonvention reisen wir sieben Tage durch die nordöstliche Alpenregion. Der Brenner-Basistunnel unter dem Brennerpass ist unsere erste Station. (...) Immer noch rauscht das Funkgerät, derweil wir uns dem Ort der Sprengung nähern und der Tunnel unaufhörlich in den höchsten Tönen gewürdigt wird. Die unschönen Nebenwirkungen des Monumentalbaus haben keinen Platz in den Erzählungen. Dass ein grosser Teil des Aushubmaterials ins Padastertal, ein kleines Seitental bei Steinach, verfrachtet wird – davon berichten die Ingenieure nichts.(...) mehr. Nachhaltig, bis die Jutetasche reisst. In: WoZ, Thema 15. Nr 40, 6. Oktober 2016.