Walter Aeschimann 
 
   Historiker    Journalist    Filmer


Am 3. März 1979 trafen sich im Fürstenzimmer des Bahnhofbuffets Basel rund 50 Psycho- therapeut*innen aus der ganzen Schweiz.2 Sie waren von nationalen und kantonalen Verbänden und von Instituten verschiedener psychotherapeutischer Schulen delegiert worden und kamen mit der Idee, einen nationalen Verband zu gründen. Das Treffen begann um 10.00 Uhr und endete um 15.09 Uhr.3 Die Beteiligten arbeiteten in  Stun- den sechs Traktanden ab. Die Diskussionen waren kontrovers, die Meinungen in keinem Punkt geeint.  (...)

 Psychotherapie in der Schweiz. Vom Ringen um die Anerkennung eines Berufsstandes. Walter Aeschimann. Zürich 2019.



Um die Erfindung des Wirkstoffs Metandienon ranken sich Gerüchte. Weitverbreitet ist eine feel good story aus dem Kalten Krieg: Der US-Arzt John Ziegler soll nach langen Tüfteleien 1955 den Wirkstoff erstmals synthetisiert und die Rechte 1956 an die Ciba AG in Basel verkauft haben.10 Die mir zur Verfügung gestellten Akten enthalten keine entsprechenden Belege. Es scheint mir aber ziemlich unwahrscheinlich, dass Ziegler den Wirkstoff als Erster syn-thetisierte. Als offizielle Erfinder teilen sich Chemiker aus den Laboratorien derCiba Pharmaceutics Schweiz AG die Rechte. Sie gehörten zu jenem Team, das 1955 zuerst die Synthese von Metandienon im Wissenschaftsjournal Helvetica Chimica Acta skizzierte und als Erfinder des Patents in den USA aufgelistetist.11 Bei den Ciba-Wissenschaftlern handelte es sich nicht um Leichtgewichte: Albert Wettstein arbeitete seit 1931 eng mit dem Team um Ruzicka an der ETHZzusammen. Auch wenn Ziegler als Erfinder kaum infrage kommt, spielte er einewichtige Rolle bei der Verbreitung von Dianabol im olympischen Sport.12 Seit den frühen 1950er-Jahren arbeitete er im Nebenberuf für die pharmazeutische Abteilung des Ciba-Ablegers in Summit. Weil Ziegler regelmässig im bekannten York Barbell Club in Silver Spring trainierte, kam er in Kontakt mit der Elite der Gewichtheber und der Bodybuilder. Walter Aeschimann. Dopingdiskussionen am Beispiel von Dianabol (1959 - 1970). In. Traverse. 2016/1. S. 72 - 84. 


WhistleblowerInnen geben als dunkle Quellen geheimes Wissen preis. Sie verraten moralisch abscheuliche oder kriminelle Machen-schaften, die in diskreten Soziotopen gedeihen, in abgeschotteten Systemen, in denen öffentliche Kontrollen fehlen und zivilrechtliche Gesetze kaum mehr greifen. In diesem konspirativen Klima decken sich die AkteurInnen gegenseitig, weil sie voneinander profitieren. WhistleblowerInnen gehören den geheimen Zirkeln vorerst an. Sie brechen aus, wenn sie das bigotte Umfeld nicht mehr ertragen. Ihre Absicht ist meist ehrenhaft. Dennoch bestraft sie die Zivilgesellschaft mit einem zweifelhaften Ruf. Sie sind HeldInnen und VerräterInnen zugleich. Indem sie Verbrechen offenlegen, de- nunzieren sie ein Milieu, das sie vorher protegierte.
Von Berendonk über Stepanowa bis heute inszenierten sich manche als WhistleblowerInnen. Die wenigsten verdienen diesen Ruf. Die meisten sind sogenannte KronzeugInnen, in Wahrheit sind sie Heuchlerinnen, Opportunisten, meistens beides. Im Gegensatz zu den WhistleblowerInnen veräussern sie geheimes Wissen erst, wenn ihnen der Unrat bis zum Hals steht. Die Justiz hätschelt sie als nützliche InformantInnen der Anklage. Die Medien verramschen sie als Ware. Die KronzeugInnen selbst erkaufen bei den ErmittlerInnen die Absolution und winseln um Gnade bei den Fans.

WoZ Thema. Nr. 27. 5. Juli 2018. 



Foto Walter Aeschimann

«Obwohl die Anschrift grandiose Üppigkeit verspricht, ist der Corso Repubblica nur eine gewöhnliche Durchgangsstrasse ohne eitle Prahlerei. Autos schleichen lärmend über grobe Pflastersteine. Menschen drücken sich zur Caffetteria entlang von abgenutzten Wänden, die vom Abgas schwarz geworden sind. Manchmal entwickelt sich ein kleiner Schwatz, so lange, bis das nächste Motorrad durch die Gasse kracht. Die Dorfbewohner sagen deshalb schlichter «strada principale». Aber der Corso Repubblica in Orgosolo ist eine der berühmtesten Strassen von Sardinien.» Von Walter Aeschimann. Das missverstandene sardische Dorf. Neue Zürcher Zeitung, 18.5.2018 mehr


(...) Vor uns stand in löchrigen, magnesiumverschmierten Hosen Alex Honnold, 31, ein amerikanischer Profibergsteiger und Extremkletterer aus Sacramento, Kalifornien. Das Geschehen wirkte aus dem Handgelenk entwickelt und des- halb erfreulich angenehm. Es liess menschliche Zwischenräume zu. Denn Honnold, mit etwas grossen Ohren und breiten, braunen Augen, scheint momentan kein Wesen von dieser Welt zu sein. Er ist der Erste, der von den zahl- reichen, ausgefransten Versionen der Randsportart Klettern aufgestiegen ist, um eine Art von Überheld und wirklich berühmt zu werden. (...)». Von Walter Aeschimann. Der Überheld. Neue Zürcher Zeitung. 20.10.2017. 


Foto Walter Aeschimann

(...) Fast surreal mutet das Städtchen in dieser steppenartigen Landschaft heute an. Kein anderer Ort in Kappadokien ist touristisch derart gut erschlossen wie Göreme. Hassan, der Nachtportier in meiner Unterkunft, arbeitet seit zwei Jahren hier. Vor den blutigen Vorfällen im Juli 2016 sei es hier überfüllt gewesen. Danach sei eine Zeitlang gar nichts mehr gelaufen. Unterdessen, sagt er, seien sie wieder «busy» in Göreme. Aber bei weitem nicht wie früher. (...) Von Walter Aeschimann. Wer verirrt sich schon nach Kappadokien? Neue Zürcher Zeitung. 6.10.2107.