Walter Aeschimann 
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   Historiker    Journalist    Filmer



«Am 5. Dezember 1969 druckte die «Zeit» einen Text mit düsterer Überschrift und gruseliger Essenz: «Züchten wir Monstren? Die hormonale Muskelmast. (...) Anabole Steroide (...) gehören zum modernen Hochleistungssport wie Trainingsplan und Trikot, wie Spikes und Spesenscheck.» Der Artikel war ein fassungsloser Schrei, ein gespenstisches Arrangement zwischen Anklage und Entsetzen, zwischen Abscheu und Enthüllung, ein moralischer Amoklauf, weil die Erregung über gängige Dopingpraktiken grösser war als die Angst vor dem mächtigen Echo eines entblössten Milieus. (...)» Von Walter Aeschimann. Whistleblowing im Sport. Zwischen Heldentum und Hochverrat. Wochen Zeitung WoZ. 5. Juli 2018. mehr

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Corso Repubblica, Orgosolo. Foto Walter Aeschimann

«Obwohl die Anschrift grandiose Üppigkeit verspricht, ist der Corso Repubblica nur eine gewöhnliche Durchgangsstrasse ohne eitle Prahlerei. Autos schleichen lärmend über grobe Pflastersteine. Menschen drücken sich zur Caffetteria entlang von abgenutzten Wänden, die vom Abgas schwarz geworden sind. Manchmal entwickelt sich ein kleiner Schwatz, so lange, bis das nächste Motorrad durch die Gasse kracht. Die Dorfbewohner sagen deshalb schlichter «strada principale». 

Aber der Corso Repubblica in Orgosolo ist eine der berühmtesten Strassen von Sardinien. Der Abschnitt zwischen der Cantine di Orgosolo und der Haltestelle der Linie 509 – hinzugerechnet auch die engen Nebengassen – inszeniert sich als riesige Bildergalerie mit rund 250 «Murales». Expressive Wandgemälde, mit Acrylfarben auf Mauern angebrachte Botschaften, deren farbgewaltige Motive sich über Krieg und Korruption empören und die Erregung von den Hausfassaden schreien. Erschaffen von Künstlern aus aller Welt.» Von Walter Aeschimann. Das missverstandene sardische Dorf. Neue Zürcher Zeitung, 18.5.2018 mehr


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«Der Berg ist eine mächtige Bildikone der Populärkultur. Während das Auto symbolisch für unbegrenzte Fortbewegung steht, der Sportathlet für entrückte Leistungsideale und Marilyn Monroe, Che Guevara oder Superman für pubertäre Phantasien, vereint der Berg viel mehr in sich. Er bedient fast jede irdische Emotion und beinahe jede ökonomische Perspektive.

Das Matterhorn steht als Muster für die perfekte Form, der Mount Everest für das Urverlangen nach Anarchie. Für einige ist die Gebirgslandschaft harmonisches Ideal von Natur und Mensch. Sie erhoffen sich seelische Läuterung beim Eintritt in die Alpenwelt, suchen authentische Erfahrungsräume und wollen alles konservieren. Andere bewerben Alpentransversalen, alpine Wasserkraft und gewaltige Infrastrukturen für die Tourismusindustrie. Sie sehen technische Machbarkeit und denken ökonomisch. Den Bewohnern selbst ist die alpine Landschaft meist Plackerei, der Berg ein konfliktbeladener Raum mit den Naturgewalten. Doch für die meisten gilt der Berg als schön». Von Walter Aeschimann. Eine Überdosis Berg. Neue Zürcher Zeitung. 2.3.2018. 

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«Wer sich hierzulande wissenschaftlich mit einem Zweig der Unterhaltungsindustrie befasst, hat einen schweren Stand. Dies merken speziell Historiker, die Themen des Sports erforschen. Berufskollegen typisieren Erstere als akademische Sonderlinge mit einem Spleen für Nichtigkeiten. Das breite Publikum beäugt sie als elitäre Fans, die mit der Masse kokettieren. Und Sportler titulieren sie als Querulanten, falls sie Mythen hinterfragen. (...)». Von Walter Aeschimann. Sportgeschichte zwischen Stammtisch und Hochkultur. Neue Zürcher Zeitung. 7.2.2018.

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(...) Vor uns stand in löchrigen, magnesiumverschmierten Hosen Alex Honnold, 31, ein amerikanischer Profibergsteiger und Extremkletterer aus Sacramento, Kalifornien. Das Geschehen wirkte aus dem Handgelenk entwickelt und des- halb erfreulich angenehm. Es liess menschliche Zwischenräume zu. Denn Honnold, mit etwas grossen Ohren und breiten, braunen Augen, scheint momentan kein Wesen von dieser Welt zu sein. Er ist der Erste, der von den zahl- reichen, ausgefransten Versionen der Randsportart Klettern aufgestiegen ist, um eine Art von Überheld und wirklich berühmt zu werden. (...)». Von Walter Aeschimann. Der Überheld. Neue Zürcher Zeitung. 20.10.2017. 

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Türkei. Göreme Foto Walter Aeschimann

(...) Fast surreal mutet das Städtchen in dieser steppenartigen Landschaft heute an. Kein anderer Ort in Kappadokien ist touristisch derart gut erschlossen wie Göreme. Hassan, der Nachtportier in meiner Unterkunft, arbeitet seit zwei Jahren hier. Vor den blutigen Vorfällen im Juli 2016 sei es hier überfüllt gewesen. Danach sei eine Zeitlang gar nichts mehr gelaufen. Unterdessen, sagt er, seien sie wieder «busy» in Göreme. Aber bei weitem nicht wie früher. (...) Von Walter Aeschimann. Wer verirrt sich schon nach Kappadokien? Neue Zürcher Zeitung. 6.10.2107.