Walter Aeschimann 
 
   Historiker    Journalist    Filmer
Chefchaouen, Marokko, Oktober 2019


Wenn im Morgengrauen die ersten Reisebusse halten, sitzt die Frau schon da. Die Frau mit dem grossen, aus Palmenblättern geflochtenen Hut. Eine blaue Kordel baumelt über die weite Krempe, die ihr faltiges Gesicht verdeckt. Die Frau kauert so reglos an der Wand, als sei sie eine von Künstlerhand geschaffene Skulptur. Aber manchmal streckt sie langsam ihre dünne  Hand nach vorn und hebt leicht den Kopf. Die Augen geben keine Gedanken preis. Ihr Kleid muss eine schöne, farbige Djellaba gewesen sein. Nun ist der bodenlange Kapuzenmantel ein staubiger, zerschlissener Überwurf.

Tag für Tag fahren vollklimatisierte Reisebusse von Tanger, Fès, Tétouan oder Meknès vor und laden Hunderte Touristen aus. Für einige ist die Frau an der Ecke Avenue Hassan II / Avenue Zerktouni die erste sinnliche Wahrnehmung, wenn sie dem Bus entsteigen. Sie nehmen den Fotoapparat hervor. Manche beziehen unmittelbar daneben Dirham aus dem Automat der Banque Populaire Agence Chefchaouen, ehe sie dem Guide in die Medina (Altstadt) folgen. (...).